V E R E I N S N A M E N . D E

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Rugby im Fußballgewand




Holzweg Arbeiterfußball



Arbeiterbewegung, Arbeitersport und Arbeiterfußball bieten Historikern spannende Themenfelder. Zum besseren Verständnis für die Auswirkungen auf das Vereinsnamenswesen erfolgt hiermit zunächst eine kurze Einführung. Erste proletarische Turnvereine entstanden schon Ende des 19. Jahrhunderts. Für den Arbeiterfußball gilt 1909 als Startschuß, faktisch eröffneten sich dieser „Klasse“ aber erst nach dem 1. Weltkrieg genügend Möglichkeiten zum Kicken. Im „Arbeiter- Turn- und Sportbund (ATSB)“ trug sie während der Weimarer Republik parallel zum DFB eigene Meisterschaften aus, und das mit sage und schreibe 8.000 Klubs vor durchaus großen Zuschauerkulissen. Gegenstücke in den Alpenländern waren die „Freie Vereinigung der Amateur-Fußballvereine Österreichs (VAFÖ)“ bzw. der „Schweizerische Arbeiter- Turn- und Sportverband (SATUS)“. Das Bewußtsein als Arbeiterfußballer drückte sich darin aus, daß man sich auf dem Platz und außerhalb als politischer Aktivist verstand, z.B. als Mitglied in der Gewerkschaft und Teilnehmer bei Kundgebungen. Aus lauter Politisierung spaltete sich von der sozial­demokratischen Bewegung sogar noch eine kommunistische „Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit (Rot-Sport)“ ab, die dann ein weiteres Verbandssystem aufbaute. Sozialdemokratische und kommunistische Fußballerlager bekämpften sich hauptsächlich gegenseitig, bis sie 1933 beide von (National-)Sozialisten verboten wurden ...




Fußballklubs der Arbeiter hießen grundsätzlich genauso wie die bürgerlichen. Es gab keinen Zwang zur besonderen Kennzeichnung. Dennoch breiteten sich zwei bestimmte Voranstellungen aus: „Freie/r“ und „Arbeiter-“. Frei wovon, muß man hier fragen. Verbandsunabhängig waren die Vereine ja nun keineswegs. Nein, gemeint war vielmehr die Freiheit der Arbeiterschaft ansich vor Ausbeutung. Zum Verein und dessen restlichem Namen hatte dieses Wort überhaupt keinen Bezug! Mithin verkörperte eine „Freie Sportvereinigung“ inhaltlich vollkommenen Stuß! Trotzdem wurde das „Freie/r“ meist zu „F“ verkürzt, wie auch das „Arbeiter-“ zu „A“, um es mit dem eigentlichen Vereinsnamen zu einem gemeinsamen Kürzel zu verschmelzen. In diesem Zuge ergab sich mit „FT“ für „Freie Turnerschaft“ ein neuer regelmäßiger Kürzelname; für „Turnerschaft“ allein ist ja bis heute kein Standardkürzel ersonnen worden. Da aber sowohl das F als auch das A („Allgemeine/r“, „Athletik-“, „Amateur-“) ohnehin häufig in deutschen Fußball-Vereinsnamen zugegen sind, sprangen beide Voranstellungen nicht sehr ins Auge. „Sprangen und springen“ müßte es heißen, denn jede Menge Freie und Arbeiterklubs tummeln sich heute gut getarnt fast unbemerkt immer noch unter uns. Die anschließende Übersicht enthält alle entsprechenden bestehenden Fußballvereine. Sie sind ziemlich gleichmäßig über die Landkarte verteilt, sogar in Ostdeutschland gibt es wieder ein paar. Eine große weiße Fläche bilden allerdings die drei westlichsten Bundesländer (jenseits der ostwestfälischen FSV Pivitsheide ist Schluß). „Arbeiter-“ kommt fast nur in Österreich und in Franken vor, wo dann im Gegenzug „Freie/r“ fehlt. Ein Kreuzchen bedeutet, daß derzeit in einer Spielgemeinschaft unter anderem Namen aufgelaufen wird. Österreichische Klubs und der einzige Schweizer Vertreter sind in Schrägschrift dargestellt. Zu erwähnen wäre noch, daß einige zeitgenössische Vereine ihre Namen unter Beibehaltung des Kürzels von „Freie/r“ auf „Fußball-“ bzw. von „Arbeiter-“ auf „Allgemeine/r“ geändert haben (z.B. FSV Malchin, ASV Leupoldsgrün, ATSV Stockelsdorf). Andererseits stammen manche der nun folgenden Vereinsnamen überraschend erst aus den letzten Jahrzehnten.




Vereinsname


bestehende Vereine


AFC
(Arbeiter-Fußballclub)


AFC Haugsdorf


ASC
(Arbeitersportclub)


ASC Sparta-Helvetik Basel, ASC Götzendorf,
ASC Korneuburg, ASC Leobersdorf


ASGV
(Arbeiter- Sport- und Gesangsverein)


ASGV Bernstein


ASK
(Arbeitersportklub)


27 bis 29 mal in Österreich


ASV
(Arbeitersportverein)


ASV Kleintettau, ASV Höchstadt/Aisch,
ASV 06 Neustadt/Coburg, ASV Waldsassen,
22 bis 25 mal in Österreich, darunter beim ASV Edelweiß Draßdorf und beim ASV Bewegung Steyr
mit Wortname



ASV
(Arbeitersportvereinigung)


ASV Spratzern, ASV Sturm 40 Statzendorf


ATGV
(Arbeiter- Turn- und Gesangsverein)


ATGV Freiheit Kleinalmerode +


ATSV
(Arbeiter- Turn- und Sportverein)


ATSV Forchheim 1903, ATSV Gehülz,
ATSV Kleinsteinbach, ATSV Mutschelbach 1904,
ATSV Reichenbach/Franken, ATSV Schwarzenstein,
ATSV Thonberg, ATSV Frisch Auf Wurzen,
23 bis 27 mal in Österreich (zweimal +), darunter beim
ATSV Sparta Deutsch-Wagram mit Wortname



ATSV
(Arbeiter- Turn- und Sportvereinigung)


ATSV Münchberg-Schlegel


ATuS
(Arbeiter- Turn- und Sportverein)


9 bis 11 mal in Österreich


ATV
(Arbeiterturnverein)


ATV Höchstädt/Fichtelgebirge


Arbeiter - Sonstige


ATG Tröstau (= Arbeiter- Turn- und Gesangsverein),
ATS Hof/West, ATS Selbitz (beide = Arbeiter- Turn-
und Sportverein), GASV Pölfing-Brunn (= Gewerbe- und Arbeitersportverein)


FSG
(Freie Sportgemeinde)


FSG Altenstadt 1912


FSG
(Freie Sportgemeinschaft)


FSG Wisselsheim


FSSV
(Freie Spiel- und Sportvereinigung)


FSSV Karlsruhe


FSV
(Freier Sportverein)


FSV Nauendorf 1896, FSV Spremberg 1895,
(ohne Punktspielbetrieb: FSV Gablenz 96)


FSV
(Freie Spielvereinigung)


FSV Pivitsheide


FSV
(Freie Sportliche Vereinigung)


FSV Sarstedt


FSV
(Freie Sportvereinigung)


FSV 05 Benterode, FSV Hansa 07 Berlin,
FSV Bergshausen 1899, FSV Dennhausen +,
FSV Dörnhagen 1899 +, FSV 1906 Erbach/Odenwald, FSV Harburg-Rönneburg, FSV Münster/Hessen 1899, FSV Schwenningen, FSV Spachbrücken,
(ohne Punktspielbetrieb: FSV 07 Rittersgrün)


FT
(Freie Turnerschaft)


FT Braunschweig, FT Eider Büdelsdorf, FT Dützen,
FT 1903 Emden, FT Forchheim/Baden, FT Gern,
FT Groß-Midlum 85, FT Hof, FT Ingolstadt-Ringsee,
FT Jahn Landsberg, FT Oberrad 07, FT Preetz, FT Eintracht Rendsburg, FT Rosenheim, FT Eintracht Schwandorf, FT Schweinfurt, FT Starnberg 09, FT Wiesbaden 1896, FT Würzburg, FT Adler Kiel (Rugby)


FTG
(Freie Turngemeinde)


FTG 1900 Pfungstadt


FTSG
(Freie Turn- und Sportgemeinde)


FTSG 1902 Gießen


FTSV
(Freier Turn- und Sportverein)


FTSV Abterode +, FTSV Altenwerder, FTSV Harle +,
FTSV Heckershausen +, FTSV 09 Kehrenbach +,
FTSV Kuchen


FTSV
(Freie Turn- und Sportvereinigung)


FTSV Komet Blankenese, FTSV Lorbeer Rothenburgsort


Frei - Sonstige


Freier TuS Regensburg (= Freier Turn- und Sport­verein), der 1.FSC Lohfelden gehört offiziell zur FSK Lohfelden (= Freie Sport- und Kulturgemeinde), FSK Vollmarshausen (= Freie Sport- und Kulturgemeinde), FSK Hoof + (= Freie Sport- und Kulturvereinigung), FT Schonungen + (= Freier Turn- und Gesangsverein), FT Heidelberg-Kirchheim (= Freier Turn- und Sportverein), TuS Ost Bielefeld (= Freie Turn- und Sportvereinigung, also ohne Berücksichtigung im Kürzel)




Kommen wir nun zu den vier regelmäßigen Wortnamen des Arbeiterfußballs, beginnend mit der klischeehaften Losung „Vorwärts“. In der Tat gelangte diese außergewöhnlich häufig als Vereinsname zur Anwendung. Innerhalb der größten Städte wurden bis zu fünf Vorwärts-Klubs gezählt. Eine Neuheit brachte man damit jedoch nicht auf den Markt, denn hier und da waren längst schon bürgerliche Namensträger am Start. 1921, just zur Zeit des großen Arbeiterfußball-Aufschwungs, wurde Vorwärts 90 Berlin Deutscher Vizemeister - im DFB! Vorwärts-Rasensport Gleiwitz hätte 1936 auch schlecht in der Vorschlußrunde stehen können, wäre es ein Arbeiterverein gewesen. Allein dadurch sollte das Märchen von „Vorwärts“ als proletarischem Inbegriff geplatzt sein. Letztlich kann man ja bei keinem Vorwärts-Arbeiterverein sicher bestimmen, ob die Namens­vergabe aus ideologischer Linientreue geschah, oder doch mehr aus Gefallen an diesem hinreißenden Schlagwort. Und wer es immer noch nicht glauben mag: Ausgerechnet im selbsternannten Arbeiterstaat DDR wurde „Vorwärts“ keiner der vielen Malocher-Branchen zugeordnet, sondern den Armee-Sportklubs! Das heute höchstklassige Flaggschiff Vorwärts Steyr aus Österreich weist hingegen eine Geschichte als Arbeitersportverein auf.


Vielleicht haben wir mehr Glück mit „Sparta“, einem für Arbeitervereine geradezu maßgeschneiderten Namen, spielt er doch auf den Widerstand und die Kampfkraft der antiken Spartaner sowie auf den Sklavenbefreier Spartacus an. Die späteren Sportwettkämpfe für Jugendliche nannten sich auch nicht zufällig im ganzen Ostblock „Spartakiaden“. Wo sollte also der Haken sein? Daß gleich in zwei Nachbarländern die allerältesten Traditionsvereine genau diesen Namen tragen, nämlich in den Niederlanden Sparta Rotterdam (1888) und in Tschechien bzw. Vorgängern Sparta Praha (Prag, 1894). Den deutschen Fußballfreunden war das bekannt. Irgendwie schien ihnen der Name nicht geheuer zu sein, denn er bewegte sich in der - bürgerlichen - Gründerzeit nur mühsam oberhalb der Standardnamen-Schwelle (Beispiele: Sparta Bremerhaven, Sparta Nordhorn, Sparta Osterode/Harz). Jedenfalls können die Arbeiterfußballer wiederum kein Patent dafür anmelden. Von den aktuell etwa 20 Klubs dieses Namens, zuzüglich Spartania Eislingen, haben offenbar nur Sparta Lichtenberg und Sparta-Helvetik Basel eine Vergangenheit als Arbeiterverein hinter sich.



Ein noch unschärferes Beziehungsgeflecht umgibt den Namen „Fichte“. In den Jahrzehnten um 1800 herum hatte die Geistesgröße Johann Gottlieb Fichte zusammen mit Hegel und Schelling den Deutschen Idealismus als ruhmreichen Höhepunkt der Philosophie-Geschichte geschaffen. Am bekanntesten ist er für seine flammenden „Reden an die deutsche Nation“, in denen er während der Unterjochung durch Napoleon an den Selbst­behauptungs­willen seines Volkes appellierte. Wie konnte dieser abgehobene historische Patriot nur in die Kreise der bildungsfernen Arbeitersport­bewegung geraten?! Freilich lassen sich in seinen Veröffentlichungen auch gedankliche Übereinstimmungen mit der „Unterschicht“ finden, z.B. „Wir wollen errichten ein Reich des Rechts und der Wahrhaftigkeit, gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt“ oder „daß kein Mensch und kein Gott und keines von allen im Gebiete der Möglichkeit liegenden Ereignissen uns helfen kann, sondern daß allein wir selber uns helfen müssen“. Gut, aber genauso könnte man wohl aus jedem anderen umfangreicheren Werk ein paar unterstützenswerte Thesen herausziehen. Hätten sich die Arbeitervereine, wie nur von einem Wiener Fußball- und zwei Turnvereinen her bekannt, nicht vielmehr auch namentlich auf Marx stürzen müssen? Als 1890 im Volkspark Friedrichshain der Arbeiterturnverein TV Fichte Berlin gegründet wurde, war dessen Name vorerst auch nur ein origineller Einzelfall. Und dabei wäre es geblieben, wenn, ja wenn dieser Verein (unter den Namen TuS Fichte und zuletzt ASV Fichte) nicht mit einer fünfstelligen Mitgliederzahl zum größten Sportverein der Welt angewachsen wäre !! Kein Wunder, daß ein dermaßen erfolgreicher Arbeiterverein von der gesamten Bewegung als Vorbild angesehen wurde - und „Fichte“ als Name gleich mit. Der Philosoph war sicherlich zu weit hergeholt, als daß er für weitere Namensvergaben noch von entscheidender Bedeutung gewesen sein konnte. Eher dürfte sich der Gleichklang mit dem Namen der Baumart förderlich ausgewirkt haben. „Fichte“ gesellte sich so passend zu Vereinsnamen wie Eiche, Linde, Tanne; der Standardname „Eiche“ hatte bei der Gründung des TV Fichte Berlin sogar mit zur Auswahl gestanden. Von den zehn gegenwärtigen Namensträgern stammt wohl die Hälfte aus dem Arbeiterfußball, darunter mit dem VfB Fichte Bielefeld die zweite Kraft einer Großstadt. Andere Klubs wie Fichte Hagen oder Fichte Baruth eigneten sich die Namen erst nach dem Krieg an (letzterer in der DDR!), Fichte Bechenheim wurde in einer gleichnamigen Kneipe gegründet und zeigt den Umriß eines Nadelbaums im Wappen. Das wäre so nicht geschehen, hätten beim Namen „Fichte“ nicht die verschiedenen Mechanismen ineinandergegriffen.


Der Vierte im Bunde ist dem deutschen Fußball endgültig abhanden gekommen, seit ihn TuS Oggersheim 1898 vor einigen Jahren aus seinem Vereinsnamen warf. Es handelte sich um „Frei-Heil“, den Gruß der Arbeiterturner. Solch ein Name hat einen schweren Stand in einer Gesellschaft, die sich fortwährend von Hitler Vorschriften machen läßt. Auch der bürgerliche Turnergruß „Gut-Heil“ kann ein Lied davon singen. Als letzter Mohikaner steht nun die fußballose TG Frei Heil 1892 Rheingönheim in der Verantwortung. Beide genannten Klubs sind übrigens in Ludwigshafen daheim.



Fußball verfügt über die Kraft, das ganze Volk zusammenzuhalten. Anderen Materien wie z.B. der Musik ist das nicht möglich, weil die Geschmäcker zu weit auseinandergehen. Fußball ist aber immer Fußball, und als solcher zieht er uns alle in seinen Bann. Es war, ist und bleibt ein Verbrechen, unser Volksfest für den „Klassenkampf“ oder sonstige politische Absichten zu mißbrauchen. Für dieses Urteil muß man natürlich voraussetzen, daß Arbeiter freien Zugang zu den damals bestehenden bürgerlichen Vereinen hatten, und sie sich die Mitgliedschaft bzw. den Eintritt auch leisten konnten. Das war sehr wohl der Fall - die große Mehrheit der fußballspielenden Arbeiter tat dies in den bürgerlichen Vereinen. Gegnerschaft und Wettkampf, Sieg und Niederlage, Auf- und Abstieg sind schließlich auch eine andere Welt als Gleichheit und Solidarität. Fußball ist nunmal kein ausgemachter Arbeiter­sport! Der Einfluß auf die Vereinsbenennung war gering, wie nicht zuletzt die Aufzählung der Namen aller Endspiel-Teilnehmer im deutschen Arbeiterfußball bekundet: ASV, BV, BV 06, FC Allemannia 22, FC Nordiska, FT, FT, FT 93, SC Adler 08, SC Lorbeer 06, SpVgg, SV, SV 19, SV 1910, SV Sparta 1911, SV Stern, TuS, TuS, TuS, TuSpo, VfL. Die szenetypischen Namen waren/sind unbrauchbar bis verwerflich oder sowieso schon vorhanden. „Fichte“ ist eine Bereicherung, sollte seine Heimstatt aber vorwiegend bei den Turnvereinen haben. Ansonsten kann die Klappe zu.