V E R E I N S N A M E N . D E

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Rugby im Fußballgewand




Rugby im Fußballgewand



Schlußendlich reisen wir nun weiter in die Vergangenheit zurück als je zuvor. Und das ausgerechnet auf der letzten Unterseite? Ja, denn dieser Inhalt ist zu umwerfend, als daß man danach noch aufnahmefähig wäre. Es geht in eine Zeit, in der mit „Fußball“ noch zwei Sportarten - samt aller Übergangsformen - bezeichnet wurden. Zur genauen Abgrenzung konnten damals die Begriffe „Rugby-Fußball“ (= Rugby) und „Assoziations-Fußball“ (= Fußball) verwendet werden, was aber keines der Lager gern tat. Warum den Akteuren das Entflechten so schwerfiel, ist kaum nachzuvollziehen, schließlich wird beim Rugby kein Ball mit dem Fuß getrieben, sondern eine Ellipse vorwiegend per Hand befördert ... Jedenfalls kamen diese Sportarten über die britischen Gastkolonien herein, die es im Kaiserreich mancherorts gab. In einigen Städten wie Darmstadt, Wiesbaden (jeweils Rugby) oder Dresden (Fußball) schwappte die Begeisterung nicht auf die Einheimischen über, in anderen sehr wohl. Als einzige frühe Ausnahme begannen in Braunschweig (Rugby) Deutsche auf eigene Faust. Hatte Rugby zunächst einen klaren Vorsprung, eroberte Fußball nach und nach Standorte, bis um 1894 Ausgeglichenheit herrschte. Ein Rugby-Quartett aus Bremen/Hannover/Frankfurt/Stuttgart sah sich einem Fußball-Quartett aus Hamburg/Berlin/Leipzig/Karlsruhe gegenüber, dazu je eine Handvoll ähnlich komisch verteilter Satelliten. Da bestreite noch einer, daß urbane Zentren mit ihrer „kritischen Masse“ die Motoren kultureller Entwicklung sind.


Wir untersuchen hier die vier Städte mit Rugby-Vereinslandschaften und erfahren dabei schier Unglaubliches. Vorher erst noch einige Hinweise: 1. Wenn die beiden Sportarten im Text der Verständlichkeit halber wie heutzutage bezeichnet werden, dürfen wir nicht außer Acht lassen, daß es einst eben anders war. 2. In den Datensätzen stehen etliche Vereinsnamen ohne Ortsnamen, weil die äußerst raren Quellen sie auch nur so hergeben. Ohnehin spielte keiner der betreffenden Klubs jemals außerhalb seiner Stadt. 3. Ein „X“ in den Datensätzen bedeutet, daß derjenige Klub über 1914 hinaus bestand. 4. Man sollte sich die Vereinsgründer nicht als Männer vorstellen. Wer da die Pionierarbeit leistete, das waren in der Regel Jugendliche vor dem Stimmbruch, Kinder! 5. Hinter der Nebelwand können wir diese Bahnbrecher kaum noch erkennen, aber dem Vergessen soll hiermit für immer ein Riegel vorgeschoben sein. 6. Aus gutem Grund gehen die Ausführungen bisweilen etwas über die namenskundlichen Aspekte hinaus - aufbereitete Informationsmöglichkeiten zu Rugby in Deutschland vor dem 1. Weltkrieg gibt es nämlich nirgendwo sonst. Leinen los!







„Es war einmal vor langer Zeit“, so könnte man die Besprechung dieser Stadt einläuten. Doch wird hier kein Märchen gesponnen. Frankfurt hatte von 1876 bis 1883 eine Szene von rund 20 namentlichen Fußballklubs !! So weit vor dem endgültigen Anpfiff für den deutschen Fußball !! Schüler der Wöhler- und der Klingerschule waren es, die 1876 mit ihrem FC Germania den heldenhaften Auftakt vollführten, der umgehend von Schülern des „Gymnasiums“ mit einem FC Franconia beantwortet wurde. Beide Klubs hatten ihre Spielstätten wahrscheinlich auf ehemaligen Freiflächen westlich der Eschersheimer Landstraße (Germania auf Höhe der U-Bahn-Haltestelle „Holzhausenstraße“, Franconia nordwestlich der Haltestelle „Grüneburgweg“). Weitere Schülervereine mit Namen wie FC Arminia, FC Concordia, FC Amicitia, FC Constantia, FC Allemannia, FC Teutonia, FC Fortuna rückten bald auf. Diese Reihe sieht zunächst aus, als wäre sie aus nur einem Holz geschnitzt. Tatsächlich geht sie aber schon mehrmals über die althergebrachten Benennungen der Studentenverbindungen hinaus; in der hiesigen Namenssammlung verteilt sie sich auf fünf Abteilungen. Sogar jeweils eigene Statuten und Spielfarben zauberten die Klubs aus dem Nichts herbei. Germania gegen Franconia, so hieß das erste Aufeinandertreffen zweier deutscher Vereinsmannschaften, und die Paarung sollte auch in den Folgejahren das Geschehen bestimmen, bis sich beide 1880 zum „Stadtverein“ FC Frankfurt zusammenschlossen. Hatte das Kürzel „FC“ bei den Vorgängern noch für „Footballclub“ gestanden, bedeutete es nun „Fußballclub“. Angesichts dessen sollten wir grundsätzlich für alle Vereinsgründungen ab dem Jahr 1880 von diesem Fortschritt ausgehen (gilt nicht für die Deutschschweiz!). Interessant auch, daß der „FC Frankfurt“ namensmäßig so aufgefaßt wurde, als wäre er gebildet wie z.B. „FC Arminia“, weil erstens der Verzicht auf einen Wortnamen noch auf viel Unverständnis stieß, und weil zweitens die Wortnamenklubs keine Ortsnamen trugen, zumal man ja nur innerstädtisch spielte (s. dazu auch „Einstieg / Bezeichnungsname vs. Wortname“). Diese Unsauberkeit läßt sich in altem Schriftgut sowieso deutschlandweit bis ins 20. Jahrhundert hinein beobachten. 1883 ging das Frankfurter Donnergrollen leider als Strohfeuer zur Neige. Zum vorerst letzten Mal zerstreute sich die älteste Schülergeneration nach dem Abschluß in alle Winde, aber plötzlich kam kein Nachwuchs mehr nach. Gründe dafür sind kaum ersichtlich, außer vielleicht der Main-Kanalisierung, die den Vereinen wohl ihre zu der Zeit wichtigsten Spielflächen entriß. Man möchte allerdings gern wissen, mit welchen anderen Freizeitbeschäftigungen sich die Jugend stattdessen zufriedengab. Selbst den FCF gelang es erst in den 1890er Jahren mühevoll wieder ins Leben zu rufen. Dann jedoch stellte er sich binnen Kürze professionell auf. 1894 bereitete er die Bildung einer „Deutschen Rugby-Fußball-Union“ vor, erhielt darauf aber zu wenig Rückmeldung. In jenem Jahr traf auch das runde Leder in Frankfurt ein, wiederum unter dem Namen FC Germania. Rugby mußte daraufhin allmählich die Waffen strecken. Daß der FCF noch bis zur Jahrhundertwende Deutschlands bester Rugby-Klub war, der jeden Gegner auch nach beschwerlichen Anfahrten im Schlaf beherrschte, half dann gar nichts mehr.

Rugby-Vereinslandschaft Frankfurts bis zum 1. WK

FC Germania (1876 - 1880). FC Franconia (1876 - 1880). FC Arminia (1876 - mind. 1882). FC Concordia (1877 - 1878). FC Neu-Concordia (1878 - mind. 1882; nach Freiwerden des Namens 1879 Umbenennung in FC Concordia). FC Amicitia Bockenheim (1878 - mind. 1882). FC Frankfurt (? - spät. 1879). FC Albion (vor 1880 - spät. 1880). FC Constantia (? - ?). FC Allemannia (1880 - spät. 1882). FC Teutonia (1880 - mind. 1882). FC Fortuna (1880 - mind. 1882). FC Sachsenhausen (1880 - mind. 1882). Klubs unbekannter Namen auch in Neu-Isenburg, Offenbach und Hanau. FC Frankfurt (1880 - X; Fusion aus FC Germania und FC Franconia; 1884 aufgelöst, 1887 erfolgloser Belebungsversuch, 1891 Wiedergründung, 1893 erneut ohne Mannschaft; 1914 Umbenennung in SC Frankfurt 1880). FC Germania Bornheim (1880 - mind. 1882). FC Victoria (1881 - 1881). FC Helvetia Bornheim (1881 - mind. 1882). Der Fußballverein Frankfurter FC Germania 1894 spielte gegen den FC Frankfurt anfangs auch Rugby (hatte zunächst sogar ein Rugby-Ei im Wappen). Rugby auch im Fußballverein Frankfurter FC 1899 und nach dessen Fusionierung noch eine Weile im „Frankfurter FC 1899-Kickers“.




    


Nach dem ersten Frankfurter Niedergang stieg Bremen zur deutschen Vormacht auf. Nur dort wurde ab Mitte der 1880er Jahre eine Szene mit mehr als einem Klub unterhalten. Der Bremer FC 1881 bekam 1885 seinen ersehnten Gegner, den Bremer FC Teutonia. Zur Einordnung: Wir sprechen auch hier von einer Zeit deutlich vor dem Startschuß des deutschen Fußballs in Berlin. Von besonderem namenskundlichen Augenmerk ist dann das Erscheinen des dritten Klubs Bremer FC 89. Sowohl er selbst als auch der Bremer FC 1881 mußten fortan zwingend mit Jahreszahl genannt werden - „BFC“ hätte zur Unterscheidung ja nicht gereicht. Diese freche Attacke des Frischlings hat die urdeutsche Einbeziehung von Jahreszahlen in Vereinsnamen ordentlich befeuert. Anders kann es nicht gewesen sein! Als Spielstätte nutzten die Bremer Klubs das Feld in der Radrennbahn an der Schleifmühle (stand im Dreieck Parkallee / Am Barkhof / Bahngleise). Nachdem sich 89 an Teutonia angeschlossen hatte, fühlten sich im Jahr 1895 auch die beiden verbliebenen Klubs durch die Umstände - in Betracht kommt eigentlich nur Personalnot - zur Vereinigung gedrängt. „Denn o Trauer, hier in Bremen / Ja, wir sollten uns drob schämen / Ist das Fußballspiel getrennt / Die Teutonia sie macht sich / Ebenso auch Einundachtzig / Und der Wettstreit arg entbrennt.“, so redete man sich die Vereinslandschaft schlecht. Das Ergebnis nannte sich denkbar gewaltig FV Bremen. Für den Dreh 1895/96 ist ein dramatischer Showdown an der Schleifmühle anzunehmen. In jenen Tagen bestanden in der Stadt genau ein Fußball- und ein Rugby-Klub. Sie spielten auf dem gleichen Platz, hatten ihre Hütten nebeneinander stehen, kämpften um die Zukunft ihrer Sportarten. Der Fußballverein hieß Bremer SC 1891 +, der Rugby-Verein FV Bremen !! Bis zur Jahrhundertwende hielt sich der FVB tapfer gegen die bald brausende Flut an neuen Fußballklubs. 1899 schien die Verzweiflung aber schon groß gewesen zu sein, als der FVB nicht nur die Bildung eines Bremischen Rasensportverbandes anregte, wohl um im Geschäft zu bleiben und evtl. die Karten neu zu mischen. Auch bot er den Fußballklubs Rugby-Trainingsstunden an und lobte Preisgeld für eine städtische Rugby-Meisterschaft aus. Immerhin besaß er noch genügend Kräfte, einen Bremer FC 1900 von sich abspalten zu lassen. Wenige Jahre später flog die letzte Rugby-Pille durch die Luft von Bremen.

Rugby-Vereinslandschaft Bremens bis zum 1.WK

Ende der 1870er Jahre soll bereits ein Verein unbekannten Namens existiert haben. Bremer FC 1881 (1881 - 1895; mit der Zeit vermehrt Darstellung als Bremer FK 1881). Bremer FC Teutonia (1885 - 1895). Bremer FC 89 (1889 - 1893; Anschluß an den Bremer FC Teutonia). FV Bremen (1895 - 1903; Fusion aus Bremer FK 1881 und Bremer FC Teutonia). 1899 Rugby im Fußballverein SuS 1896 Bremen. Bremer FC 1900 (1900 - 1905).




      


Neue Stadt, neues Glück. Deutsche Buben hatten schon seit den 1860er Jahren (!) bei den Briten auf dem Cannstatter Wasen mitgespielt. Seither wäre jedes Jahr als Gründungsjahr eines Vereins greifbar gewesen, aber geschichtlichen Ruhm für Stuttgart zu sichern wurde vertändelt. „Erst“ 1890 sollten die Ballspiele in Gestalt des Cannstatter FC ins heimische Kulturgut eingehen (Cannstatt war damals noch eine selbständige Stadt). Auf Vorschlag des CFC zog die andere Neckar-Seite drei Jahre später mit dem FV Stuttgart nach. Daß die namentlichen Abfolgen Ort-Bezeichnungsname und Bezeichnungsname-Ort offensichtlich bewußt gewählt, miteinander konfrontiert und getreu gepflegt wurden, stellte eine Neuheit für Deutschland dar. Gemeinsam mit dem Zuwachs FC Nordstern bildete man dann vorübergehend die dichteste Rugby-Vereinslandschaft überhaupt. Wobei Rugby und Fußball in Stuttgart besonders eng verzahnt waren. Der Cannstatter FC spielte ab 1893 nebenher auch Fußball, der FV Stuttgart im Sommer nur Fußball und sonst nur Rugby, und als beide einen Rugby-Schaukampf in Ludwigsburg austrugen, um dort zu einer Vereinsgründung zu ermutigen, sprang mit dem Ludwigsburger FC dennoch ein Fußballverein dabei heraus. Anders als alle neuen Klubs versteiften sich CFC und FVS immer mehr auf Rugby. Zur Jahrhundertwende befanden sie sich mit zwei zu zwanzig in erdrückender Minderheit. 1900 wurde das Schicksal des CFC besiegelt, als Schafhirten ihre Ansprüche auf die Nutzung des Wasen durchsetzten (auf welchem eigentlich schon ab 1896 das Spielen verboten war, woraufhin der Troß zur ungünstigen Stöckach-Eisbahn abwanderte). Er wandelte sich in einen Tennisverein um und besteht als Cannstatter TC bis heute. Viele CFC-Spieler gründeten die Stuttgarter Kickers mit, kamen sich dort jedoch mit den Anhängern des Fußballs ins Gehege. Nach mehreren Vollversammlungen und Grundsatzerklärungen verabschiedeten sie sich in Richtung FV Stuttgart, der seit 1900 ausschließlich Rugby betrieb und in dieser Sportart bei der ersten ausgespielten Deutschen Meisterschaft 1909 Vizemeister werden sollte. Trotzdem rumorte es im FVS andersherum: Die Mitglieder wollten auch Fußball spielen. Mit diesem Begehr schufen sie die Voraussetzung für die baldige Fusion zum VfB Stuttgart, letztlich dem Garaus für Stuttgarts Rugby.

Rugby-Vereinslandschaft Stuttgarts bis zum 1. WK

Cannstatter FC (1890 - 1900). FV Stuttgart (1893 - 1912; später oder nur rückwirkend „FV 93 Stuttgart“ genannt; die Jugendmannschaft trat zeitweise als „Vorwärts“ auf). Ludwigsburger FC (1893 - ?; war jedoch weitgehend ein Fußballverein). FC Nordstern Stuttgart (1894 - vor 1899; 1896 Umbenennung in FC Stuttgart; vermutlich Wechsel zum Fußball, da sich am runden Leder später ein FC Stuttgart 1894 betätigte). 1894 hatte der TB Stuttgart als „Fußballabteilung Nord-West“ eine Rugby-Mannschaft. In Eßlingen bestand 1894 ein Rugby-Verein unbekannten Namens. Bei zahlreichen Vereinen ist unklar, inwieweit sie Rugby spielten; am ehesten in Frage kommen Kirchheimer FC (1894 - ?), Oststern (1895 - ?), Frankonia (? - ?), FC Wagenburg (1896 - 1899) und FC Arminia (spät. 1897 - 1900; Anschluß an den FV Stuttgart, der zu jener Zeit nur Rugby spielte). 1902 kurzzeitig Rugby im FC Stuttgarter Kickers. VfB Stuttgart (1912 - X; Fusion unter Beteiligung des FV Stuttgart).




      


Jetzt tritt Hannover an, um alles aus den Angeln zu heben. Auf den endlosen Auwiesen - die sog. Leinemasch erstreckte sich über die Flächen von Maschpark, Sportpark und Maschsee - vergnügten sich hannoversche Jungs schon in den 1870er Jahren beim Rugby. Vom Willen angespornt, die ebenfalls dort tätigen Engländer besiegen zu können, führten sie ihre drei Schülervereine zum DFV Hannover 1878 zusammen. Ob dieses Gebilde wirklich 1878 fertig stand, oder ob sich Vereinigung und Namenswerdung stufenweise bis Mitte der 1880er Jahre hinzogen, läßt sich nicht mehr klären. Außer den Beteiligten bemerkte ja niemand etwas davon. Treibende Kraft waren jedenfalls die Schüler des Realgymnasiums, die sich vermutlich „Hannoverscher Schüler-Footballclub“ nannten (frühester deutscher Vereinsname mit enthaltenem Ortsnamen). Ein „KWG-Fußballverein“ am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium mag durchaus so geheißen haben, denn zumindest für die berühmte Braunschweiger Schule von Lehrer Koch ist eine Benennung in dieser Art nachgewiesen. Dritter im Bunde war der FC Germania des „Lyceums I“. Germania, dabei handelte es sich um den ersten Klub der erweiterten deutschen Fußballgeschichte, den allerersten !!! Dieser Umstand erschließt sich zwar aus nur einer einzigen Quelle, die aber, welch Geschenk, außergewöhnlich bombensichere Angaben macht. In der 75-Jahre-Chronik (1953) des Fusionsvereins schreibt jemand: „Als bei der Vereinigung der drei Schülerklubs der Vertreter der ‚Germania’, so hat mir unser auch längst zur Ruhe gegangener Mitbegründer Ernst Heins berichtet, die Anregung vorbrachte, ihr Gründungsdatum 1872 als das des neuen Vereins einfach zu übernehmen, lehnte FWF (Ferdinand Wilhelm Fricke; Anm.) diesen Vorschlag sehr energisch mit den Worten ab, daß für einen Sportsmann nur der wirkliche Tag des Zusammenschlusses (...) in Frage kommen könnte. So wurden aus uns unter Leitung des ehrenwerten FWF die 78er und nicht die 72er.“. Zum Niederknien müssen wir uns heute vor das Bauwerk der Nord/LB am Georgsplatz begeben. An dieser Stelle befand sich jenes Schulgebäude (s. Bild), worin im linken Nordflügel das Lyceum I untergebracht war, und im rechten Südflügel das Realgymnasium. Noch erhalten, aber anderswo mitten auf die Georgstraße verpflanzt, ist das damals davorstehende Schiller-Denkmal.


Weiter mit der Entwicklung in Hannover. DFV, „Deutscher Fußballverein“, was für ein überladener Name, der jedoch nur die sachliche Feststellung treffen wollte, daß Einheimische anstatt der Briten am Werk waren. Zwei aus dem DFV heraus gegründete Klubs, der Tennisverein DTV und der Hockey-Verein DHC, tragen die Voranstellungen bis heute ebenfalls. Andere „DFVs“ sollten in der Fußballgeschichte sonst nur sechs- oder siebenmal aus dem Sudetenland und aus Prag bekanntwerden. Bedenkt man außerdem, daß der DFV Hannover sehr lang der einzige Klub seiner Art in einem riesigen Umkreis war, ist sein Vereinsname als einsamster aller Zeiten zu bezeichnen. 1886 und 1890 lud der Klub ergebnislos zur Schaffung eines reichsweiten „Fußballbundes“ ein. Sportlich betrachtet bekam den Hannoveranern ihr eigener Zusammenschluß nicht gut, wie sich bis Ende der 90er Jahre bei jeder Begegnung mit den Bremer Genossen offenbarte. Um endlich den Konkurrenzdruck zu erhöhen, gliederte der DFV eine Mannschaft als Hannoverschen FC 1896 aus. Dieser Verein konnte seine entstehende Kurzform HFC „zum Glück“ kaum gebrauchen, da vor Ort schon die Briten als „English HFC“ firmierten - 96 war geboren. Als nächstes folgte der SV Kleeblatt, zum Gründungszeitpunkt einziger Rasensportverein Deutschlands mit dem Bezeichnungsnamen „Sportverein“. Ziemlich spät, 1898 erst, versuchte auch der Fußballsport ein Bein auf die hannoversche Erde zu kriegen, hatte inmitten des Rugby-Getümmels allerdings kein leichtes Spiel. 1901 verursachte der Lagerwechsel von 96 und Eintracht zwar einen gewissen Schock, änderte aber nichts daran, daß die Stadt weiterhin wie am Fließband neue Rugby-Klubs ausspuckte. Obwohl reichlich zentral gelegen, kapselte sich Hannover von den deutschlandweiten Vorgängen irgendwie ab. Auch 1904 zählte der „Verband Hannoverscher Fußballvereine“ (Rugby) mehr angeschlossene Klubs als der „Verband Hannoverscher Ballspielvereine“ (Fußball)! Um 1908 soll noch in sagenhaften 24 Vereinen Rugby gespielt worden sein! Aufgrund dieser hervorragenden Bedingungen ging der Norden, der nach Bremens Abdankung nurmehr aus Hannover bestand, bei den inzwischen eingeführten Nord-Süd-Gipfeln gegen Frankfurt/Heidelberg/Stuttgart regelmäßig als Sieger vom Feld.

Rugby-Vereinslandschaft Hannovers bis zum 1. WK

FC Germania (1872 - 1878). „KWG-Fußballverein“ (nicht vor 1875 - 1878; KWG = Kaiser-Wilhelm-Gymnasium). „Hannoverscher Schüler-FC“ (nicht vor 1876 - 1878). DFV Hannover 1878 (1878 - X; Fusion aus „Hannoverschem Schüler-FC“, FC Germania und „KWG-Fußball­verein“). „FC zu Hannover“ (1882 - 1883). FV Hannovera (1885 - 1886; Anschluß an den DFV Hannover 1878). Hannoverscher FC 96 (1896 - 1901; die Jugendmannschaft trat zeitweise als „Furchtlos-Vorwärts“ auf; dann Wechsel zum Fußball). SV Kleeblatt (1896 - 1903; dann Wechsel zum Fußball). FV Saturn (spät. 1897 - ?). SV Blitz (spät. 1897 - 1898). SV Excelsior (1897 - 1898). FV 1897 Hannover (1897 - X; FV = Fußsportverein). Neptun (1897 - X; 1898 Umbenennung in FV 1897 Linden). 1897 auch Rugby im MTV Hannover. FC Eintracht (1898 - 1901; dann Wechsel zum Fußball). SV Elite (1898 - 1910; Fusion aus SV Blitz und SV Excelsior). FV Mercur (1898 - X; Anfang 20. Jhdt. Umbenennung in SV Merkur 1898). Hannoverscher SC Normannia (1898 - 1914). FC Schwalbe Döhren (1899 - X). SC Favorit (spät. 1899 - 1914). FC Teutonia (spät. 1900 - 1914). SV Arminius (spät. 1900 - 1900). Hannoverscher FV Sport (spät. 1900 - X; evtl. Fusion aus SV Arminius und Condor, wobei ein Klub namens Condor auch später existierte). Um 1900 sollen auch die Vereine Germania, Nordstern, Start, Niedersachsen, Hunoldia und „Sportbrüdervereinigung Hannover“ bestanden haben. SV Victoria Linden (1900 - X). FV Germania List (1900 - X). FC Grasdorf (? - mind. 1904). „Schüler-FV am Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium“ (? - mind. 1905; Anschluß an den DFV Hannover 1878). SV Sparta (? - mind. 1904). SC Condor (? - mind. 1904). Lindener SV Alexandria (1903 - X). SV Eintracht Linden (spät. 1904 - ?). SV 1905 Linden (1905 - X). SV Ricklingen 05 (1905 - 1912; die Mitglieder schlossen sich dem SV 1908 Ricklingen an). SV Odin (1905 - X). SV 1906 Döhren (1906 - X). SV Strauß Döhren (1906 - X). SV Union (1907 - X). SC Linden (1907 - X). SV 1908 Ricklingen (1908 - X). SV Hainholz 1910 (1910 - X). SV Herta Hannover (1910 - 1910; Anschluß an den FV 1897 Hannover). SuS Hannover (1911 - 1913; Eigenschaft als Rugby-Klub fraglich; Anschluß an den FV 1897 Hannover).



Die fünfte Urheimat des deutschen Rugbys, Heidelberg, soll keinesfalls verschwiegen werden. In den Rudervereinen „Deutscher Flaggenklub“ (später Heidelberger RC, heute Heidelberger RK 1872) und Hansa + wurde das Spiel 1874 (!) als zweifelhaftes Training für die Wintermonate eingeführt. Doch hielt es sich nicht lange und lag bis zur Jahrhundertwende brach. Während der spannenden 1890er Jahre bestand Heidelbergs Rugby-Szene nur aus den britischen Schulmannschaften „Neuenheim College“ sowie „Heidelberg College“, die mit regem Spielverkehr großen Verdienst an der Aufrechterhaltung dieses Sports in Frankfurt und Stuttgart hatten. Zu einer Zeit, als sich Fußball schon überall breitmachte, eröffneten namenlose deutsche Schulmannschaften und neutral benannte Klubs (ASC Heidelberg +, Heidelberger BC +) den Rugby-Spielbetrieb. Bis auf eine Ausnahme (s.u.) steuerte diese Stadt also wirklich nichts namentlich Interessantes zur Sache bei.



1898 verwendete ein Hamburger RC als erster Klub das Wort „Rugby“ in seinem Vereinsnamen. Allgemein gaben sich die Rugby-Freunde im Gezerre um den Begriff „Fußball“ aber noch nicht geschlagen. In der Auftakt­versammlung des „Deutschen Fußballbundes“ (1900) saßen wie selbstverständlich auch Vertreter des DFV Hannover und des FC Frankfurt mit im Saal. Kurz darauf schlossen sich weitere neun hannoversche Rugby-Klubs dem DFB an. Im selben Jahr schickte das Rugby-Lager den 1.FC Nürnberg ins Rennen. 1902 entstand in Heidelberg der FC Neuenheim (der sogar gegen einen noch später gegründeten FC Britannia Heidelberg Rugby spielte, doch dürfte es sich hierbei um einen Fußballklub gehandelt haben). Damit war dann für immer Schicht. Die zahlreichen hannoverschen Gründungen nach 1900 verzichteten auf den Begriff „Fußball“. Aus dem obigen Datensatz geht hervor, daß sie für ihre Benennungen gleichwohl den Ausdruck „Rugby“ boykottierten. Soviel Stolz mußte anscheinend sein. Zum Notnagel wählten sie die Bezeichnung „Sportverein“, was bei lauter reinen Rugby-Klubs schon seltsam wirkt. Außerhalb Hannovers war SV in den Nullerjahren des 20. Jahrhunderts noch gar kein Massengut; allenfalls zu fußballtreibenden „Spielvereinen“ (SpV) in Nordrhein-Westfalen könnte man einen Vergleich ziehen. Auch in der weiteren Rugby-Geschichte Hannovers findet sich ein Rugby-R übrigens nur sehr sparsam in den Vereinsnamen.


Wegen ihrer winzigen Menge nahmen die Rugby-Klubs an der anschließenden Evolution der Fußball-Vereinsnamen kaum noch teil. Unter den Kürzeln mit Kleinbuchstaben beschränkte es sich auf den VfR Döhren (vorher Strauß Döhren), den VfV Hainholz (Fusion aus Union Hannover und Hainholz 1910), den VfB Heidelberg 02 (Fusion des FC Neuenheim mit zwei Fußballklubs; der FCN klinkte sich aber schnell wieder aus) und den zwischenzeitlichen Bezeichnungsnamen TuS bei Victoria Linden. Ein „Vereinsname gemäß den Vereinsfarben“ kam nur bei Schwarz-Weiß (Abspaltung von 1905 Linden; dann wiedervereint zum DRC Hannover; hier agiert das „D“ rein als patriotisches Bekenntnis) und Grün-Weiß Hannover vor. Auffällig ist die überaus starke Jahreszahlprägung von Hannover 78 als Ergebnis der Umbenennung von DFV in DSV. Vollendete Prägungen setzen also keine Hintanstellung des Bezeichnungsnamens voraus, wie man - vgl. Hanau 93, Altona 93, Hannover 96 - hätte denken können. In der Restbedeutung ihrer Bezeichnungsnamen unterbietet 78 sogar 96! Seit der Namensänderung von FC Frankfurt auf SC Frankfurt 1880 erfolgte auch dort eine ziemlich gute Prägung. Beschreiben wir kurz die heutigen vereins­namentlichen Zustände des Rugby-Lagers. Über die Jahrzehnte stieg die Anzahl der Klubs im Land auf rund 150 Stück an. Entweder führen sie als Sparten die Namen von allgemeinen Sportvereinen und Turnvereinen, oder es handelt sich um reine Rugby-Klubs meist unter der Standardbezeichnung „RC“. Einige schreiben sich nach Vorbild des Heidelberger Ruderklubs erfreulicherweise „RK“. Ähnlich wie FV im Fußball wird der naheliegendste Name „RV“ eiskalt gemieden. Und jetzt schlägt`s dreizehn: Mehrere Vereine heißen tatsächlich „RFC“ (= Rugby-Footballclub)! Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich diese jedoch als kosmopolitische Einrichtungen von und für Ausländer aus Staaten mit Rugby-Tradition; man kommuniziert nur auf Englisch und hält auch die grammatische Beugung des jeweiligen deutschen Ortsnamens für überflüssig. Darüber hinaus sind englische Plural-Tiernamen u.ä. wie beim Eishockey auch schon auf dem Vormarsch. Wenn also insgesamt die Wortnamen der Gründerzeit fehlen, die spätere Namensentwicklung mangels Klubs auch verpaßt wurde, sich die zufällig zusammengewürfelten allgemeinsportlichen Vereinsnamen in diesem kleinen Kreis nicht selbst erklären können, und zudem bei der eigenverantwortlichen Benennung neuer Klubs geschlampt wird, ist der Namensreigen ohne kulturellen Belang. Aber so verhält es sich ja bei allen Mannschafts-Sportarten außer Fußball ...


Indessen schipperte Hannover als Insel der Seligkeit durch die Jahrzehnte. Hier das prächtige Aufgebot: DSV Hannover 78, TSV Victoria Linden, DRC Hannover, SC Germania List, VfR 06 Döhren (Fusion aus VfR Döhren und SV 1906 Döhren), SV 1908 Ricklingen, SV Odin Hannover, FC Schwalbe Hannover-Döhren, FV 1897 Linden, SC Linden, NTV 09 Hannover (Übernahme der Rugby-Abteilung vom VfV Hainholz). Fast hundert Jahre lang zog nahezu immer einer dieser Klubs ins Meisterschafts-Endspiel ein. Gegenüber stand ebenso zuverlässig ein Vertreter aus Heidelbergs Szene mit den Vereinen Heidelberger RK 1872, SC Neuenheim 02 (vorher FC Neuenheim), RG Heidelberg (RG = Rudergesellschaft), TSV Handschuhsheim, Heidelberger TV und neu TB 1889 Rohrbach. Seit den 90er Jahren bröckelt es allerdings in Hannover, nach 2005 gelang keine Endspiel-Teilnahme mehr, und mittlerweile verfügen gerade noch vier Klubs über eine 1. Herren. Diese Stadt ist also erneut völlig entgegengesetzt zum übrigen Deutschland unterwegs.



      



Zuletzt bleibt die Frage, ob Rugby im Fußball eigentlich etwas aus der Zeit der Begriffseinheit hinterlassen hat. Die beste Nachricht ist erstmal, daß der DFV Hannover und der FC Frankfurt noch leben, wenn auch als Hannover 78 und Frankfurt 1880. Unter Einbeziehung der Vorläufer sind sie wahnsinnige 16 bzw. 12 Jahre traditionsreicher als Germania 88 Berlin! 78 spielt auf seinem heutigen Platz seit 1899, länger als jeder deutsche Fußballverein auf dessen. Das dunkelblau-weiß geviertelte Dreß wird inzwischen durch das dritte Jahrhundert getragen, während im Fußball nur fünf Klubs überhaupt ein bestimmtes Dreßmuster kennen. An solchen Werten hat auch jeder historisch interessierte Fußball-Anhänger seine helle Freude. Unvermutet miteinander verbunden sind wir über die Trophäe „Viktoria“ für den Fußballmeister von 1903 bis 1944. Sie wurde zum Andenken an den deutschen Rugby-Auftritt bei den Olympischen Spielen 1900 gestiftet (eine deutsche Fußball-Mannschaft fehlte da). Für Deutschland spielte in Paris der FC Frankfurt, ergänzt um je einen Mann vom Cannstatter FC und vom FV Stuttgart. Viktoria sollte alljährlich abwechselnd zuerst dem Rugby- und dann dem Fußballmeister verliehen werden, doch erledigte sich der Plan mit dem Abzug des Rugby-Lagers aus dem DFB 1901, woraufhin die Fußballer Viktoria für sich allein hatten. Drei große Fußballklubs begannen ihren Werdegang mit ovalen Spielgeräten: VfB Stuttgart, Hannover 96, 1.FC Nürnberg. Beim VfB drückt sich dies in der Zahl 1893 im Wappen aus, bei 96 weist der Name (!) ausschließlich auf Rugby hin. Hier wie dort ist das allerdings nur mit Wissen über die jeweilige örtliche Sportgeschichte erkennbar, nicht absolut, denn grundsätzlich hatten wir 1893/1896 schon Fußball in Deutschland. Und der 1.FCN münzte seinen Vereinsnamen natürlich ohne erforderliche Änderung sofort auf die andere Sportart um. Ein „F“ im Sinne von Rugby ist dagegen noch bei den hannoverschen Klubs FV 1897 Linden und FC Schwalbe erhalten. Deren Rugby-Abteilungen sind nur leider beide zusammengebrochen. Wenigstens fängt man nicht mit Fußball an, denn das würde alles verwischen. Die Verantwortlichen von 1897 haben neulich ahnungslos beschlossen, das „FV“ abzuschaffen, was derzeit noch nicht komplett umgesetzt ist. Ansonsten wäre noch zu erwähnen, daß Arminia Hannover seine Spielstätte der Fusion mit einem Rugby-Klub (Merkur 1898) zu verdanken hat. Aber mehr als die paar Fakten hält einen das Mysterium der Frühgeschichte in Atem. Liebes Rugby, Tragik hin und her, vielen Dank für Deinen Beitrag zur deutschen Fußballgeschichte. Namentliche Fußballklubs bevor es Fußball gab, zu geil!