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Rugby im Fußballgewand




Evolution des Vereinsnamens „Kickers“



Walther Bensemann hievte den deutschen Fußball aus dem Startblock. Bekannt ist der Tausendsassa unter anderem als Strippenzieher bei den sieben Ur-Länderspielen. Wie so oft, beraumte er 1893 in Karlsruhe mal wieder die Gründung eines Fußballklubs an. Jetzt sollte es ein ganz besonderer sein, eine Bestenauslese, eine Elitetruppe. Was durchaus gelang: Nach zwei Jahren voller Siege kürte der Verein sich unbescheiden selbst zum „Meister des Continents“. Mit diesem vorgeblichen Titel im Gepäck verschwand er dann aber auf Nimmer­wiedersehen.


An dieser Stelle müssen wir einen Schwenk nach Tombstone vornehmen. Ja genau, zu jenem amerikanischen Provinznest, in dem sich 1881 die berühmte Western-Schießerei am „O.K. Corral“ ereignet hatte. Für Schlagzeilen sorgte Tombstone mittlerweile auch mit einer außergewöhnlichen Zeitung, die freimütig oppositionelle Ansichten unter`s Volk streute und sich wirklich gar nichts gefallen ließ. Der Name dieses Blattes: „The Arizona Kicker“! Schwer zu zügelnde, nach hinten tretende Pferde wurden im Wilden Westen als „Kicker“ bezeichnet. Schon namentlich schrieb sich die Zeitung also Widerspenstigkeit auf die Fahnen. Das gefiel besonders einem Herrn Strube, der auf der Gründungsversammlung in Karlsruhe als Ersatztorwart vorgesehen war, um mit der Zeit in die 1. Elf aufzurücken. Von ihm kam nämlich der Namensvorschlag „Kickers“. Woher auch immer er den Draht nach Amerika hatte, und wie er bloß seine Vereinskameraden mit diesem kühnen Vorstoß zu überzeugen vermochte - er hatte Erfolg. „FC Karlsruher Kickers“ hieß der Klub insgesamt mit seinem völlig neuartigen Namensaufbau (FC = Footballclub). Es gibt Hinweise darauf, daß ursprünglich sogar englisch-ungebeugt „FC Karlsruhe Kickers“ geplant war, was vom Umfeld wohl nicht hingenommen wurde. Auch wenn es zu lupenreinem Englisch der Anordnung „Karlsruhe Kickers FC“ bedurft hätte, erstaunt die Anglomanie schon, denn Bensemann hatte zwei Jahre zuvor als Gegenentwurf zum „International Footballclub Karlsruhe“ eigens den „Karlsruher Fußballverein“ gründen lassen, weil ihm die Eindeutschung des Fußballs als Königsweg erschien. Wie dem auch gewesen sei, wissentlich der Namensherleitung müßten wir den Vereinsnamen „Kickers“ ja als „die Wilden“, „die Unzähmbaren“ oder „die Rebellen“ deuten, anstatt „die Fußballspieler“ darin zu sehen. Vielleicht war „kicken“ im Sinne von „Fußball spielen“ damals noch gar nicht eingeführt; im Duden sollte der Begriff tatsächlich erst 1915 auftauchen! Aber ruhig Blut, es brächte natürlich nichts, nun oberlehrerhaft auf diesen Exklusiv-Informationen herumzureiten. Zur noblen Auswahl-Elf Karlsruher Kickers paßte der rauhe Hintergedanke sowieso denkbar schlecht.




1896 wurde der Vereinsname Kickers kurzzeitig von einer tschechischen Mannschaft in Prag aufgegriffen. Danach drohte er in Vergessenheit zu geraten. Erst 1899 sammelte ihn der neue FC Stuttgarter Cickers auf der Halde ein. Dieser Klub übernahm damit auch den gesamten Namensaufbau aus Karlsruhe, und bis heute als SV Stuttgarter Kickers hält er eisern daran fest. In wieder ausgebesserter Schreibweise gab der FC Frankfurter Kickers umgehend Geleit. Mit dem Offenbacher FC Kickers von 1901 war der Name dann reingeholt in das System der zehn Standard­aufbauten (s. „Vereinsnamen-Knigge / Klarheit beim Namensaufbau“). Bekanntermaßen verlockt die Anordnung beim Offenbacher FC Kickers - auch unter dem Einfluß der Stuttgarter Kickers - trotzdem zur falschen Benennung als „Offenbacher Kickers“. Als derjenige Verein, dem es oblag, das „Kickers“ vor den Ortsnamen zu ziehen, kommt ungefähr 1904 der FC Kickers Zürich in Betracht. Damit war Kickers zu einem Wortnamen wie alle anderen auch geworden, der sich in der entscheidenden mittleren Gestalt (bei welcher Wortnamenklubs mit nicht mehr und nicht weniger als mit Wort- und Ortsname aufgeführt werden) ganz normal verhält, und nur noch in der Kurzform (die bei Wortnamenklubs einzig aus dem Wortnamen besteht) in den Pluralcharakter zurückfällt. Diese Entwicklungsstufe wurde von den meisten der nächsten Namensträger unterstützt. Ein schönes Gemeinschafts­werk, das unsere Fußballklubs da vollbracht haben!


Vorerst war dem Namen allerdings nicht viel Flächengewinn beschieden. Bis zum 1. Weltkrieg bewegte sich Kickers in einem merkwürdigen geographischen Rahmen, dem man vielleicht die Bezeichnung „Kickers-Doppelstrahl“ verleihen könnte. Dessen Kern war der unterste Abschnitt des Mains. Von dort aus führte der größere Strahl Richtung Süden durch die Vorderpfalz und Baden-Württemberg (mehrheitlich Baden) hindurch bis in die Deutschschweiz, ein kleinerer gen Osten nach Franken. Um diesen Doppelstrahl schien ein Zaun gezogen. Lediglich die Kreuznacher Kickers, die Fuldaer Kickers, diese jedoch über das Kinzigtal mit guter Verbindung zum Main, und Kickers Leipzig scherten aus. Insgesamt sprechen wir von schätzungsweise 30-40 Klubs. Davon haben bis heute neun überlebt: Die Stuttgarter Kickers, Kickers Lauterbach und Kickers Luzern (Schweiz) auf dem Südstrahl; Kickers Aschaffenburg, die Würzburger Kickers und Bayern-Kickers Nürnberg auf dem Oststrahl; Kickers Offenbach, Kickers-Viktoria Mühlheim und Kickers Obertshausen direkt im Winkel. Landesweite Bekanntheit erlangte der Name 1908, als Fritz Becker (Frankfurter Kickers) das allererste Tor der deutschen Länderspiel­geschichte schoß, und kurz darauf die Stuttgarter Kickers ins Meisterschafts-Endspiel einzogen. Doch war es zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon zu spät dafür, daß in größeren Städten neugegründete Kickers-Namensträger noch den Durchmarsch zum „Stadtverein“ hätten schaffen können. Auch ehrgeizige Fusionen boten sich nicht als Sprungbrett an, da für solche Benennungsfälle weniger nach Wortnamen gesucht wurde. Entsprechend zäh verlief weiterhin die Ausbreitung. 1946 stieg aus den zusammen­gekehrten Trümmern der zwangsaufgelösten örtlichen Fußballklubs Kickers Emden empor - fast ein kleines Wunder und ein ganz wichtiger Standort für den Namen. Kickers Offenbach säte dann mehrere Jahrzehnte lang als nationaler Spitzenklub weitere Samen aus. So läpperte es sich.




Von Seiten des Eindeutschungslagers waren anfangs harsche Vorwürfe hereingeweht. Konrad Koch, der umtriebige Braun­schweiger Sportlehrer, polterte gegen den „stärksten Mißklang“. Dabei ist „Kickers“ als echtes englisches Wort auch ein germanisches, weswegen es sich hier doch eigentlich sehr gut einfügt. In älteren oder Mundart-Wörterbüchern des Deutschen finden wir mit zahlreichen Bedeutungen Einträge wie Kick, Kicke, Kickel, kickeln, kicken, Kicken, Kicker, Kickerling, kickern, Kickert und andere. Die Buchstabenfolge Konsonant(en)-Vokal-ck-e-r liegt vielen deutschen Wortbildungen zugrunde, nicht zuletzt bei Wacker! Und für verschiedene sprachliche Anwendungen hängen auch wir ein s dran (Beispiele: Bei (den) Beckers zu Besuch, Herr Rickers, die Menge des Zuckers, Pepi Hickersberger, Kleinkleckersdorf). Wollte man all unsere Wortnamen in deutsch- und fremdsprachige unterteilen, wobei es sich bei letzteren ja meist um lateinische/latinisierte handelt, dann stünde Kickers bei den deutschen. Für diesen Flügel bildet Kickers eine unschätzbare Verstärkung.


Trotz der Entwicklung innerhalb des Englischen ist Kickers eine deutsche Anfertigung und somit ein deutscher Name. In Großbritannien würde man ihn niemals verwenden, zumal „kicken“ im Englischen anders als bei uns kein Synonym für „Fußball spielen“ darstellt, sondern „treten, stoßen“ besagt. In allen anderen Weltgegenden kann man unseren Exportschlager antreffen. Daß er ausgerechnet in den USA am häufigsten vorkommt, liegt erstens an deutschen Einwanderern, und zweitens daran, daß dort das Sprachempfinden verglichen mit der Kulturnation Großbritannien stark abgestumpft ist. Wäre der Western-Hintergrund ausschlaggebend, müßten in den Wappen der amerikanischen Kickers-Namensträger mehr Pferde abgebildet sein. In Japan, einer weiteren Hochburg, scheint man Kickers gar als den Vereinsnamen schlechthin zu betrachten. Zumindest ging eine japanische Zeichentrickserie aus den 80er Jahren über eine Mannschaft dieses Namens wiederum um die Welt. Als Fußballfreund in Deutschland erfährt man unbewußt auch regelmäßig von der spektakulären Rück­überführung des Namens auf ein Printmedium: Niemand anderes als Walther Bensemann brachte 1920 den „Kicker“ heraus. Und bedenkt man, daß sich diese Fußball-Zeitschrift in den Anfangsjahren vor allem mit den scharfzüngigen Glossen Bensemanns höchstselbst hervortat, dann war ihre Benennung genauso rebellisch angetrieben wie ehedem der Vereinsname. Daß sich der „Kicker“ mit seinem Gründungsort Konstanz, Zwischenstopp in Ludwigshafen und heutigem Sitz in Nürnberg sicher auf dem Doppelstrahl herumtreibt, mag Zufall sein. Letzte Zweifel an den Zusammen­hängen verfliegen aber beim Anblick des Titelblatts der Erstausgabe. Es grüßt darauf das damals 26 Jahre alte Mannschaftsbild der Karlsruher Kickers ...