V E R E I N S N A M E N . D E

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Rugby im Fußballgewand




Vereinsname auf der Brust



Betreffs Spielkleidung hat der Vereinsname im Rahmen der Arbeitsteilung zwischen den Kennzeichen eines Fußballvereins weitgehend Sendepause. Allenfalls meldet er sich über- oder unterhalb der Rückennummer kurz zu Wort. Es ginge auch anders, wie der gründliche Blick in die Geschichtsbücher aufzeigt.




Als erster Klub trug 1894 der Rugby-Verein DFV Hannover + seinen Namen großflächig auf der Vorderseite zur Schau. Unter den Fußballern war es wohl 1899 Werder Bremen, wenn auch in jenem unleserlichen Schriftzug, der gleichzeitig das Wappen darstellte. Mehrere Wortnamenklubs stickten sich ihren entsprechenden Anfangsbuchstaben klein an die Herzstelle (z.B. Regatta Prag +, Hertha Berlin, Britannia 92 Berlin +, Viktoria 96 Magdeburg +, Borussia Mönchengladbach, Allemannia Jessen, Wacker Gotha, Holstein Kiel), desgleichen einige Bezeichnungsnamenklubs ihre entstehenden Kurzformen (z.B. Flensburger FC +, FC Engelskirchen +, Berliner BC +). Sehr vereinzelt erschienen Vereinsnamen bis zum 1. Weltkrieg aber auch in klarer Schrift auf ganzer Hemdbreite. Neben Hannover 96, Arminia Hannover, SC Unna +, FC Königsberg +, Jahn Regensburg („TBJ“ +), SC Teltow +, Germania Roßlau, Mittweidaer BC + (s. Bild), Ratibor 03 +, Sparta Finsterwalde + werden weitere Beispiele aus dieser Reihe noch gesucht. Darüber hinaus beeindruckten die Auswahlmannschaften des Berliner „Verbandes Deutscher Ballspielvereine“ und später beim jährlichen Kronprinzenpokal diejenigen des „Norddeutschen Fußballverbandes“ (s. Bild) mit ihren Dressen. Nur leider folgte diesen guten Ansätzen dann nichts mehr. Aus der Zwischenkriegszeit sind lediglich Vorwärts Lübeck + und ein unbestimmter sudetendeutscher „DFC“ bekannt; in den 40ern lief TuRa Ludwigshafen + etwas abwegig mit einem übergroßen T auf. Ohne rechner­gesteuerte Näh- oder Beflockungs­maschine war die Herstellung wohl doch zu aufwendig. Anders als in der Leichtathletik sowie teilweise im Eishockey und im Basketball blieb die Brust für Ewigkeiten überall unbeschriftet. Die Spielkleidung sollte das alleinige Reich der Vereinsfarben sein.




Wie Phönix aus der Asche tauchte der Brust-Schriftzug 1960 bei Victoria Hamburg wieder auf („SCV“). Doch es blieb beim kurzen Flackern. Ab Anfang der 60er Jahre richtete sich der Blick vielmehr auf die Herzstelle. Bei den meisten Klubs prangte dann dort das Wappen, manche entschieden sich früher oder später jedoch für den Vereinsnamen, z.B. Hannover 96, Grazer AK, Göttingen 05 (s. Bild), Bremerhaven 93 + (s. Bild), Hertha BSC, Kickers Offenbach, Hanau 93, Kapfenberger SV, 1.FC Bamberg +. Insbesondere das Auftreten der Jahreszahlklubs muß Eindruck erzeugt haben, denn weitere Vereine verkündeten bald auf diese Weise ihre namensmäßig eigentlich gar nicht so federführenden Gründungsjahre (Wacker 04 Berlin + mit „04“, Hertha 03 Zehlendorf mit „03“, 1.FC Neukölln mit „95“). Mit Einführung der Trikotwerbung 1967 (Österreich) bzw. 1973 (Deutschland und Schweiz; 1967 bis zur Untersagung schon drei Spieltage lang bei Wormatia Worms) wurde es schlagartig modisch, die Brust auf ganzer Hemdbreite zu besetzen. In diesem Zuge gelangten in der zweiten Hälfte der 70er Jahre quasi erstmals seit Kaisers Zeiten auch wieder Vereinsnamen dorthin - als Sponsoren-Ersatz! Ob die nachgewiesenen Dressen von MTV Ingolstadt, Fortuna Köln, VfL Osnabrück, BV Düsseldorf, TSG Dissen, Niedersachsen Döhren, Katernberg 19, TuS Fleestedt und FC Langweid nur die Spitze eines Eisbergs bildeten, müßte noch genauer erforscht werden. Unter den Toppklubs beteiligten sich jedenfalls vier an der kurzfristigen Dreß­verschönerung: MSV Duisburg, Hertha BSC, Schalke 04 und - außerhalb des Ligabetriebs - der Hamburger SV. Während der MSV und Hertha phasenweise schlichtweg keinen Hauptsponsoren gefunden hatten, lehnte man bei Schalke Trikotwerbung bis 1979 grundsätzlich ab. Drollig anzuschauen ist Schalkes Mannschaftsbild 1976/77, auf dem die Spieler uneinheitlich hinter den Schriftzügen „Schalke 04“ oder „SCHALKE“ aus der Wäsche gucken. Da in den DFB-Pokal-Endspielen 1976-82 Trikotwerbung untersagt war, liefen solange alle Finalisten mit blanker Brust auf, außer dem Hamburger SV (1976) und Hertha BSC (1977, 79). Aufgrund Werbeverbots bestritten die Ham­burger auch ihre Europapokal-Endspiele 1977, 80, 82, 83 allesamt mit „HSV“ auf dem Dreß.


Ansonsten hatte sich der Westen längst in die Einbahnstraße der gezielten Dreßverhunzung per Brustsponsor begeben. Ende der 70er Jahre eröffnete sich dann endlich der Sinn von Deutschlands Teilung: Den Vereinsnamen-Schriftzügen glückte die Flucht in die DDR, wo sie noch ein Jahrzehnt lang geeigneten Lebensraum vorfinden sollten. Eigentlich hätte es für die DDR ein Heimspiel sein müssen, trug doch die sowjetische Nationalmannschaft traditionell das „CCCP“ vor sich her, wie auch die eigene Landesauswahl seit den 50ern (!) groß „DDR“ auf ihren Trainingsanzügen stehen hatte (der Reißverschluß hörte oberhalb des mittigen D auf), und die drei Buchstaben seit Anfang der 70er auf den Dressen über dem Staatswappen als Blickfang dienten. Die 80er hindurch waren nun alle bekannten und auch viele tiefer spielende Klubs mit Vereinsnamen-Schriftzug zu sehen, jedoch nicht immer, so daß sich in der Eliteklasse stets etwa die Hälfte der Mannschaften dementsprechend kleidete. Gestalterisch wurden die kümmerlichen vorherigen Testreihen aus der BRD sofort übertrumpft. Jetzt stimmte man den Textbereich auf das Gesamtdesign ab und wertete ihn mit ausgesuchten Schriftarten weiter auf. Besser hätte das Zeitfenster gar nicht genutzt werden können. Danke dafür, DDR! In der Geschichte der Fußballtracht hast Du den glasklaren Höhepunkt geschaffen, Deine traumhaften Dressen erscheinen jedem Betrachter wie vom anderen Stern! Auf der nachfolgenden Tafel erfreuen wir uns an: Lok Leipzig, 2 x Stahl Riesa, 2 x Chemie Halle (+), Wismut Aue +, Motor Steinach +, Union Mühlhausen, 2 x Carl Zeiss Jena, Fortschritt Bischofswerda +, Energie Cottbus, 2 x Rotation Berlin +, BFC Dynamo, Kali Werra Tiefenort, 2 x FC Karl-Marx-Stadt +, Chemie Böhlen +, Vorwärts Dessau, 1.FC Magdeburg, Motor Suhl +, 2 x „Motor Fritz Heckert Karl-Marx-Stadt“ +, Union Berlin, Glückauf Sondershausen +, Dynamo Dresden, Rot-Weiß Erfurt, Vorwärts Frankfurt/Oder +, Hansa Rostock, 2 x Chemie Velten +, Post Neubrandenburg +, 2 x Stahl Brandenburg. Bei zu schlechter Photoqualität wurden einige Schriftzüge nachgezeichnet.




Da bedarf es erst dieser Tafel, um die grundlegende Erkenntnis ans Licht zu bringen, daß die ideale Spielkleidung aus Vereinsfarben und Vereinsname zusammenfließt, wohingegen das Wappen bei der Gestaltung sogar stört. Selbst wenn dieses mal halbwegs eingebunden werden kann, macht es als undeutlicher Klecks neben den strahlend frischen Buchstaben keinen guten Eindruck. Und spinnen wir den Gedanken fort, dann verhält sich das heutzutage gegenüber der Sponsoren-Aufschrift genauso. Da andererseits bekanntlich auch eine größere Darstellung jeglicher Bildeinheit auf Kleidungsstücken als modische Entgleisung gilt, wäre hiermit bewiesen, daß das Dreß gar kein natürliches Anwendungsgebiet von Wappen ist.



Nebenher zur ostdeutschen Spielkleidungs-Hochkultur waren auf den Dressen der Werksklubs VÖEST Linz + und Bayer Leverkusen außer den Werksnamen, die gleichzeitig als Vereinsname und Sponsor wirkten, Erweiterungen um „SK“ bzw. „04“ zu lesen. Austria Wien, Rapid Wien und Sturm Graz schrieben ihre Wortnamen noch zur Werbung mit dazu (wobei in Österreich der Sponsor ja sowieso oft Bestandteil des offiziellen Vereinsnamens ist). Mitte der 80er zeigte sich der Freiburger FC werbefrei mit Vereinsname, 1988-90 tatsächlich auch wieder Hertha BSC. An den letzten Spieltagen 94/95 war erneut der Hamburger SV dran, weil dessen Hauptsponsor mit den schwachen Leistungen der Mannschaft nicht mehr in Verbindung gebracht werden wollte. Bei Wacker Innsbruck erstreckte sich 2011-13 durch eine außer­gewöhnliche Anordnung von Werbung und Wappen mehr zufällig der Vereinsname quer über die Brust, und Rot-Weiss Essen präsentierte ab 2013 drei Jahre lang stolz den bloßen Ortsnamen. 2016 hatte Hannover 96 für ein Spiel statt des Wappens den Vereinsnamen auf der Herzstelle. Oh, welch aufregender Unterschied selbst bei diesem Klub, der seinen Namen ja nicht größer im Wappen stehen haben könnte. Damit ist die Geschichte erzählt. Zufriedengeben können wir uns mit ihr wohl kaum.