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Rugby im Fußballgewand




Evolution des Vereinsnamens „TuRa“



Je nach Heimatregion betrachtet der Fußballfreund den Namen „TuRa“ als selbstverständlichen, als ausgefallenen oder als abwesenden Bestandteil unserer Vereinsnamenskultur. Mit mindestens 66 Vertretern, davon leicht mehr erloschen als am Leben, gehört TuRa insgesamt aber auf jeden Fall zu unseren Standards. Gemeinhin steht dieses Kürzel für „Turn- und Rasensportverein“; vereinzelt taucht ein anderes Grundwort auf, schreitet das Grundwort voran oder es fehlt. Ungeachtet des grammatisch männlichen Geschlechts von „Verein“ wird sowohl in der Eigen- als auch in der Fremdbenennung fast durch die Bank gar keiner oder der weibliche Artikel verwendet. Von der Schreibweise her hat es der Name nur bedingt zur Vollendung gebracht, denn „TuRa“, „Tura“ und „TURA“ gehen wie Kraut und Rüben durcheinander. Das Erscheinungs­bild „Tura“ verbirgt allerdings den Abkürzungscharakter. Es tritt wie ein Wort auf, das in unserem Kulturkreis wohl kaum zu Hause sein kann, so daß man unwillkürlich einen Ausländerverein dahinter vermutet, womit dem deutschen Vereinsnamenswesen ein Bärendienst erwiesen wird. „TURA“ hält wiederum die Akronym-Eigenschaft geheim, läßt also nicht erkennen, daß die Abkürzung wie ein Wort auszusprechen ist. Nur „TuRa“ glänzt mit dem letzten Schliff! Zumal viele Vereine ohnehin oft hin- und herspringen, beschränken wir uns in diesem Text einheitlich auf das einzig wahre Antlitz und bemühen gemäß „Vereinsnamen-Knigge / Konkrete Angleichungen“ auch keinen Artikel.


Die Entstehungsdaten der TuRa-Namensträger verteilen sich in verblüffender Weise auf drei Epochen. Rund ein Drittel ging in der ersten Generation von 1919 bis 1925 (Schwerpunkt 1920/21) an den Start. Erst nach einer längeren Pause folgte von 1933 bis 1938 (Schwerpunkt 1937/38) die zweite Generation. Etwa die Hälfte aller TuRa-Namensträger bildete schließlich von 1945 bis 1952 (Schwerpunkt 1945/46) den krachenden Abschluß. Soweit bekannt, fallen nur vier Vereine aus diesem Raster heraus, darunter mit TuRa Irlenborn + die bis heute letzte Geburt anno 1973. Als Kürzel mit Klein­buchstaben genügt TuRa ja leider nicht dem modernen Zeitgeist, auch wenn Buchstaben­gebilde solcher Art in anderen Lebensbereichen gerade vollauf gängig sind - z.B. Kita, DiBa, Pegida, HoGeSa. Eine weitere Eigentümlichkeit des Namens ist seine fast ausschließliche Heranziehung für Fusionsvereine, kaum für Neugründungen oder Umbenennungen. Damit immer noch nicht genug der Besonderheiten, denn außerdem erstaunt TuRa auch durch ein sehr klumpiges Verbreitungs­muster, wie man es bei landschafts­unabhängigen Namen sonst nicht hat. Auf der Landkarte sind die Standorte aller bekannten heutigen und früheren TuRa-Namensträger vermerkt (in den Ostgebieten und in den Alpenländern gab es nie welche).




Bedarf am Namen TuRa gab es wahrlich. In allen drei o.g. Zeiträumen wurden allumfassende Großklubs angestrebt. Nach dem 1. Weltkrieg erforderte die steigende Vielfalt an Sportarten neue Organisations­formen. Zwar kam dann wieder die „Reinliche Scheidung“ zwischen Turnern und Fußballern in die Quere, aber die ersten TuRa-Namens­träger manövrierten sich da ohne Schäden hindurch. Im Dritten Reich waren viele Vereine zum Zwecke der Gleichschaltung zu Großfusionen gezwungen. Und nach dem 2. Weltkrieg mußten abermals die Kräfte gebündelt werden, notgedrungen und/oder auf alliiertes Geheiß. Jedes Mal war man wieder auf der Suche nach geeigneten Sammelbezeichnungen. Besonders in den Ballungsräumen brauchte man über TSV/TuS, TSG und VfL hinaus mehr Auswahlmöglichkeiten. Daß der Name TuRa wörtlich genommen längst nicht alle Sportarten erfaßt, nach heutigem Verständnis sogar nur schlappe zwei, sollte man nicht auf die Goldwaage legen. Früher wurden durchaus verschiedene Sportarten auf Rasen betrieben, z.B. einige athletische Übungen, Handball, Tennis, Turnerspiele wie Faustball. „TuRa“ stand also geradezu unter Fahndungsdruck. Von den acht aktenkundigen Klubs, die sich einen näherungsweisen Namen wie z.B. TuR, TuRV, VfTuR zulegten, datieren begründetermaßen sechs aus den Jahren 1919/20. Sie waren, was spräche auch dagegen, über ganz Deutschland verteilt, zwar dreimal im bevölkerungs­reichen Rheinland, dazu aber auch in Hamburg, Mannheim und Weißenfels bei Halle. TuRU Düsseldorf als lokaler Spitzenreiter, noch mehr aber der VfTuR München-Gladbach + (= Mönchengladbach), welcher 1919 wenige Wochen nach seiner Entstehung den Westdeutschen Meistertitel errang, sie gaben vielleicht den entscheidenden Anschub. Noch ein Stückchen näher tastete sich der VfTuRa Hamburg + heran, der aber, da die norddeutschen TuRa-Namensträger nicht aus der ersten Generation stammen, keine Wellen geschlagen haben kann.


Unterdessen wird der endlich serienfähige Name TuRa mehrmals unabhängig voneinander erfunden worden sein. Dieser Verdacht drängt sich auf, weil der abgelegene Kartenpunkt in Nordhessen mit dem Gründungsjahr 1919 der älteste von allen ist. Wir sprechen vom SV TuRa Cassel-Wehlheiden +, einem Verein, der tatsächlich aus zwei „TG“s und einem „RSV“ hervorgegangen war, der sich vorsichtshalber mit einem weiteren Bezeichnungsnamen ausstattete, und der eines Tages übrigens in Hessen Kassel aufging. Man sieht aber sofort, daß TuRa Wehlheiden keine Außenwirkung entfaltete. Auch wenn Kassel dem Westdeutschen Spielverband zugeordnet war, dürfte ein so unbedeutender Klub schwerlich bis in den Rhein-Ruhr-Raum ausgestrahlt haben, während er zugleich auch noch in der eigenen Umgebung unbeachtet blieb. Vielmehr lag das Epizentrum 1920 im westlichen Ruhrgebiet, als explosionsartig mehrere Vereine unter kolossalen Titulierungen wie TuRa 88 Duisburg und TuRa Essen-West auf die Bühne traten. Binnen weniger Jahre „erhielten“ dann im weiteren Umkreis z.B. auch Bonn, Bielefeld, Barmen (= Wuppertal) und Hagen „ihren“ TuRa-Verein. Bei TuRa Beesenstedt aus dem Jahr 1921, dem völlig isolierten Kartenpunkt in Sachsen-Anhalt, kann man von einer dritten eigenständigen Entwicklungsarbeit ausgehen, es sei denn, über die örtliche Zeche bestand eine Verbindung zum Ruhrgebiet.



Hauptsächlich lebte TuRas Evolution von den kurzen Wegen auf dem Gebiet Nordrhein-Westfalens. Spitzenklubs übten überraschend wenig Einfluß aus. TuRa Bonn (heute Bonner SC) spielte beispielsweise in einer Gauliga-Staffel, die bis zur Mosel reichte, bringt aber nach Süden hin keinerlei Punkte auf die Landkarte. TuRa Ludwigshafen (heute Südwest Ludwigshafen) gewann nur zwei Freunde in der nahen Nachbarschaft; TuRa Mainz-Kastel + war schon vorher da. Der lockere Haufen an der Nordseeküste wird von TuRa Gröpelingen (heute TuRa Bremen) angeleiert worden sein. Für die ost­westfälische Gruppe fehlt indes eine Erklärung. Hinter TuRa 06 Bielefeld, einem Kind der ersten Generation ohne sportliche Höhenflüge, trudelte der Rest nämlich überwiegend erst in der dritten Generation ein. Unerwartete Unterstützung erhielt der Name in den 30er Jahren aus Leipzig. Der Inhaber der dortigen Automaten-Fabrik „Tura“ spielte gekonnt mit der namentlichen Doppeldeutigkeit, indem er ein werksklub­artiges Liebhaber-Projekt ins Rennen schickte. TuRa 32, später TuRa 99 Leipzig (heute Chemie Leipzig) verbuchte seinerzeit sogar den zweithöchsten Zuschauerschnitt Deutschlands. In Anlehnung an diesen Klub hätte der Osten nach dem 2. Weltkrieg sicherlich noch einige TuRas hervorgebracht, wenn bürgerliche Vereine denn erlaubt gewesen wären.


Im Ergebnis kann TuRa weder als erfolgreicher noch als erfolgloser Name bewertet werden, aber auch mit der pauschalen Einordnung als Mittelmaß täte man ihm unrecht. Viel offensichtlicher gestaltet sich dagegen der Ist-Zustand. Von den zeitgenössischen Namensträgern spielt kaum einer oberhalb der Kreisebene. Insbesondere die Großstadtklubs machen einen bedenklichen Eindruck. Bis auf wenige Ausnahmen müssen wir den ge­sam­ten TuRa-Bestand als stark fusions- und damit existenzgefährdet einstufen. Mit TuRa Grönenberg Melle (damals 4.000 Mitglieder!) und TuRa Hennef gingen in jüngerer Vergangenheit zwei wichtige Stützpunkte von der Fahne. Der raumfüllende Klang von „TuRa Melle“ und „TuRa Hennef“ mußte dem dünnen Ziepen in der Aussprache von „SC Melle“ und „FC Hennef“ weichen, es ist zum Heulen. Somit verbleiben als sportliche Aushängeschilder die naturgemäß limitierten Klubs TuRa Meldorf (Holstein), TuRa Bergkamen (Westfalen), TuRa 07 Westrhauderfehn (Ostfriesland) und TuRa Untermünkheim (Württemberg). TuRa Harksheide (verbands­technisch zu Hamburg) als vitaler Großverein mit 4.000 Mitgliedern kann die düsteren Aussichten nur unwesentlich erhellen, nachdem das in Melle ja nicht für eine Zukunft reichte.